Wirtschaftliche Struktur

Die Gemeinde Erbenhausen mit ihren drei Ortsteilen ist ländlich geprägt. Hier gibt es landwirtschaftliche Betriebe und einige kleinere Handwerksbetriebe.

Landwirtschaftliche Betriebe: Agrargenossenschaft Reichenhausen (036946/30205)
                                            Genßler 036946/34320, Schafhausen

Handwerksbetriebe:              Autohaus Schneider Reichenhausen
                                            Bauschlosserei Eberhard Kneitschel (036946/34300) Schafhausen
                                            Tischlerei Jürgen Senf (036946/299777) Erbenhausen
                                            Maler und Verputzerbetrieb Rolf Kellner Reichenhausen 036946/30228, 017694326808

Versicherungsagentur:           Viktoria Alex Lenhard (036946/34369) Reichenhausen

Hotel "Eisenacher Haus"       Familie Lehmann (036946/3600)

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Bericht über die Agrargenossenschaft Reichenhausen
 von Redakteur Harald Meiss  im Meininger Tageblatt vom 23.07.2005


Um 4 Uhr macht sich der Melker Detlef Tittel fertig für die Arbeit...
… denn das Unternehmen ist ein Teil dieser Region



Detlef Tittel gehört neben Uwe Dietrich zu den ersten beiden Männern, die in aller Herrgottsfrühe die Stallanlagen der Reichenhäuser Agrargenossenschaft betreten. Foto: Harald Meiss

Das kleine Rhöndorf Erbenhausen liegt um 4 Uhr noch im tiefen Schlaf. In einem einzigen Haus brennt Licht. Schon vor einer halben Stunde hat der Wecker Detlef Tittel herausgeklingelt. Der junge Mann sitzt am Frühstückstisch, blickt noch etwas verschlafen drein und lässt den Tag wie immer süß angehen. Er genießt sein Marmeladenbrot. „Früh um 4 könnte ich so was nicht runter kriegen“, bekommt er deshalb oft zu hören.

Doch „so was“ braucht er um diese Zeit. Es darf auch ein Stück Kuchen sein. Heute gibt es dazu einen starken Bohnenkaffee. Das ist aber die Ausnahme, denn sein Lieblingsgetränk für das frühe Frühstück heißt „Im Nu“. Doch statt des süffigen Malzkaffees trinkt er heute „echten“ Kaffee. Die Nacht war etwas kürzer als sonst.

Das zweite Frühstück, das er sich für den bald beginnenden Arbeitstag im Stall in Reichenhausen schmiert, fällt aber dann doch etwas deftiger aus. Ein Blick zur Uhr: Es geht auf halb 5 zu. Detlef Tittel verlässt das Haus, schwingt sich in seinen „Renault 19“. Der fährt seinen Fahrer fast alleine. Auf dem gerade mal zwei Kilometer langen Weg begegnet ihm kein einziges Fahrzeug. Wie fast an jedem Tag – fast! „Wenn ich am Wochenende früh in den Stall muss, bin ich auf alles gefasst!“, schränkt Detlef Tittel ein. Dann sind nämlich die Disco-Jungs unterwegs, die dem frisch angebaggerten Mädel auf dem Beifahrersitz beweisen müssen, dass Papis neuer Wagen mehr als 200 Sachen bringt.

Der zweite Mann

Aber jetzt, mitten in der Woche, übernimmt der „Autopilot“ die kurze Fahrt zur Arbeit, der Agrargenossenschaft Reichenhausen. Detlef Tittel ist der zweite Mann, der zu dieser Zeit das Betriebsgelände betritt. Der Mittelsdorfer Uwe Dietrich, der andere Melker der Frühschicht, macht seinen allmorgendlichen Rundgang, schaut am Verwaltungsgebäude und in den fünf Ställen nach, ob alles in Ordnung ist und über Nacht vielleicht ein Kalb das Licht der Welt erblickte.

Detlef Tittel zieht sich die grüne Arbeitshose und das karierte Hemd an, um sogleich mit den Vorbereitungen fürs Melken zu beginnen. Er schaltet die Melkanlage an, gibt Wasser in die Vakuumpumpen-Kühlung und schaut nach den Kontrollleuchten. Alles scheint zu funktionieren. Dann setzt er einen neuen Filter an einem der beiden Milchbehälter ein. In die großen Tanks mit einem Fassungsvermögen von 5800 bzw. 4000 Litern wird die gemolkene Milch gepumpt und auf acht Grad Celsius heruntergekühlt.

Nun ist alles klar, das Melken kann beginnen. Die beiden Männer gehen in den Stall, um die ersten Kühe zu holen. Die meisten liegen noch schlafend herum. Andere dagegen scheinen schon putzmunter und kommen, wohl ahnend, dass sie jetzt gemolken werden sollen, auf die beiden Melker zu. Eine besonders übereifrige Kuh läuft vorneweg und schaut die Melker mit großen Augen an. „So unterschiedlich ist das. Es geht den Kühen halt wie den Menschen“, scherzt Detlef Tittel.

In Reih und Glied marschieren die Kühe zum Melkhaus. Dort werden sie im Vorwartehof „zwischengeparkt“. Die ersten 20 von ihnen laufen weiter zum Melkstand. Weil die Anordnung aus der Vogelperspektive dem Skelett eines Fisches gleicht, wird er Fischgrätenmelkstand genannt. Zwei Mal zehn Gräten für 20 Kühe. Die Melker desinfizieren die Euter der Tiere mit einem Lappen und legen das Melkgeschirr an. Das eigentliche Melken danach geht automatisch.

Nach 20 Minuten sind die ersten Kühe gemolken. Aus dem Vorwartehof werden nun die nächsten 20 geholt, in den Melkstand gebracht und gemolken. Alle 20 Minuten die gleiche Prozedur, gut viereinhalb Stunden lang. Kurz nach 9 Uhr verlassen die letzten Kühe den Melkstand. Der muss nun, genau wie der Vorwartehof, gründlich gereinigt werden.

Über dem Schnitt

Eine Reichenhäuser Kuh gibt statistisch gesehen pro Jahr 9215 Kilogramm Milch – so das Ergebnis der letzten zwölf Monate. Gut 1200 Kilogramm über dem Landesdurchschnitt! Und das, obwohl der Rhöner Landwirtschaftsbetrieb zu den benachteiligten Standorten für die Milchproduktion zählt – wegen der Höhenlage und schlechten Bodenbonität. Außerdem ist der Betrieb mit nur 300 Hektar Ackerland, aber 800 Hektar Grünland einer der grünlandreichsten Milchproduktionsbetriebe in ganz Thüringen. Hier liegt ein Problem. Denn während Kraftfutter auf den ertragreichen Äckern der Betriebe im Norden des Landes fast „von allein“ wächst, müssen die Reichenhäuser einen beträchtlichen Anteil hinzu kaufen. Und das wiederum erhöht den Betriebsaufwand.

Zu den natürlichen Standortnachteilen kommen immer schwieriger werdende Rahmenbedingungen und sinkende Milchpreise. Im Laufe der letzten vier Jahre ging das Jahresmilchgeld des Reichenhäuser Betriebs um 18 Prozent zurück. Mit anderen Worten: ein Verlust von immerhin 120 000 Euro pro Jahr. Damit könnte der Betrieb die immer höher steigenden, belastenden Kosten, beispielsweise für Diesel, ausgleichen.

Schlafloser Chef

Doch nicht nur das bereitet Erhard Markert, dem Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzenden der Agrargenossenschaft Reichenhausen, Kopfzerbrechen. Jetzt, um 4 Uhr in aller Herrgottsfrühe, könnte er sich eigentlich noch einmal herumdrehen und weiterschlafen. Seine Arbeit beginnt erst in drei Stunden. Aber der Schafhäuser ist hellwach, 1000 Dinge gehen ihm durch den Kopf. Er und der ganze Vorstand stehen vor einiger kniffligen Aufgabe. So schnell wie möglich muss ein Konzept auf den Tisch, welches den Weg für eine weitere Zukunft des Landwirtschaftsbetriebs aufzeichnet.
Von heute auf morgen ist die Agrargenossenschaft in eine schwierige Situation geraten, weil der bisherige Milchabnehmer in Hessen von einem großen, deutschlandweit agierenden Konzern geschluckt wurde. Und der sagt den Reichenhäusern nun: „Ihr liefert zu viel Milch.“

Der Milchkuhbestand, der im letzten Jahr noch 350 betragen hatte und bereits auf 300 reduziert wurde, muss deshalb jetzt nochmals um 50 Tiere verringert werden. Und das bedeutet in der Zukunft noch weniger Einnahmen. Zudem laufen zwei große Investitionen. Die letzten Tierplätze aus DDR-Zeiten werden den modernen Erfordernissen angepasst. Außerdem muss noch dieses Jahr ein zusätzliches 2500 Kubikmeter großes Güllelager gebaut werden. Nur so kann der Betrieb künftig absichern, dass außerhalb der Vegetationsperiode keine Gülle mehr ausgebracht werden muss.

Entscheidungen

Die Entscheidungen, die Erhard Markert und sein Leitungsteam in diesen Tagen treffen müssen, sind nicht leicht. Es hängen nicht nur 24 Arbeitsplätze daran, nicht nur 90 Eigentümer und nicht nur 250 Einwohner, die ihre Pacht erhalten. Die Landwirtschaftsbetriebe gehören zur Region, sind ein Teil von ihr. Ohne sie würde die ohnehin schon arme Thüringer Rhön noch mehr verarmen.

Nachdem Erhard Markert seit 4 Uhr kein Auge mehr zugemacht und im Bett über sein Betriebskonzept gegrübelt hat, steht er schließlich auf. Kurz vor 7 Uhr beginnt er dann „richtig“ zu arbeiten. Um diese Zeit kommt Leben in den Betrieb. Während die beiden Melker noch alle Hände voll zu tun haben, um die fladenförmigen Hinterlassenschaften aus dem Melkhaus mit dem Wasserschlauch wegzuspritzen, beginnen zwei weitere Männer, Rainer Volland und Hilmar Schmuck, ihre Arbeit im Stall. Das Restfutter muss raus und dort, wo noch keine neue Technik installiert ist, gilt es, mit Hoftraktor und Schiebeschild auszumisten.

Per Mischwagen wird das neue Futter für die Kühe zusammengemischt – aus Gras- und Maissilage, Kraftfutter, Mineralfutter und Biertreber, also Reststoffen bei der Bierproduktion. Die Rezeptur hat der Chef des Unternehmens höchstpersönlich zusammengestellt. Und jede so genannte Leistungsgruppe erhält ihre eigene Rezeptur.

In die Wiege gelegt

Erhard Markert begrüßt seinen neuen Leiter der Rinderproduktion, Frank Amend aus Reichenhausen, um die Aufgaben des Tages zu besprechen. Der junge Mann bekam den Beruf quasi in die Wiege gelegt. Er übernahm erst am gestrigen Freitag den Stafettenstab von seinem Vater Manfred, der in Altersteilzeit ging. Obwohl Frank Amend Landwirt mit Leib und Seele ist, jobte er nach der Wende einige Jahre als Gabelstapler in einer Fuldaer Teppichfabrik. Nachdem er 1984 als Zootechniker/Mechanisator ausgelernt hatte, arbeitete er weiter im heimischen Landwirtschaftsbetrieb.

Wo er hingehört

Nach der Wende war ihm der Arbeitsplatz zu unsicher, hatte er doch gerade ein Haus gebaut. Doch wohl gefühlt hat er sich in der Teppichfabrik nie so richtig. Er ist glücklich, wieder da zu sein, wo er hingehört. Und er ist stolz auf seinen Landwirtschaftsbetrieb, der im Landesvergleich der Milchproduktionsbetriebe fast immer im ersten Viertel rangiert und der schon viele Auszeichnungen und Zertifikate erhalten hat.

Die neue, verantwortungsvolle Aufgabe von Frank Amend kennzeichnet gleichzeitig einen Generationswechsel. Und er vermittelt den Optimismus, dass in den Reichenhäuser Ställen auch in Zukunft Tag für Tag nach 4 Uhr die Lichter angehen werden. VON HARALD MEISS